Virtuelle Verwandtenbesuche bieten Mehrwert

Pflegebedürftigen droht die Vereinsamung

Virtuelle Verwandtenbesuche bieten Mehrwert

Kerkrade (NL)/Duisburg, Juni 2020. Einschränkungen von Besuchen, kaum soziale Kontakte, Einsamkeit und womöglich sogar dauerhafte körperliche und geistige Schäden: Insbesondere Bewohner von Pflegeheimen gehen wegen der Corona-Pandemie durch eine schwere Zeit. Alleine in Deutschland werden weit über 800.000 Menschen vollstationär betreut, was immerhin ein Viertel aller Pflegebedürftigen ausmacht. Dazu kommen die Pflegekräfte, deren Arbeit noch intensiver und kräftezehrender als ohnehin schon ist. Abhilfe schaffen und für ein wenig Normalität sorgen können moderne technische Hilfsmittel, deren Wirkung wissenschaftlich bewiesen ist.

Die Angehörigen sind bei der Pflege älterer Menschen mit Demenz oder von Menschen mit einer geistigen Behinderung unverzichtbar. Sie können wie niemand sonst mit ihnen in Kontakt treten und sie in ihrer Welt erreichen. Derzeit sind Besuche in den Pflegeeinrichtungen jedoch aufgrund der Covid19-Pandemie gar nicht oder nur eingeschränkt möglich. Dadurch treten unerwünschte Folgen auf – und die können in Einzelfällen sogar drastisch sein: Während Unruhe und Angst meist temporärer Natur sind, kann es jedoch auch zu einem geistigen Abbau kommen, der irreparabel ist. Die Vereinsamung ist in Pflegeeinrichtungen ein großes Thema.

Gleichzeitig machen sich die fast ausbleibenden gemeinsamen Aktivitäten und Ausflüge der Pflegeheimbewohner gemeinsam mit den Pflegekräften negativ bemerkbar. Denn kleine Spaziergänge und Zeit an der frischen Luft sind für die Bewohner normalerweise oftmals der Höhepunkt des Tages. Hier tanken sie Kraft, indem sie Naturgeräusche aufsaugen, Alltagssituationen beobachten oder durch die ehemalige Nachbarschaft spazieren. All das ist derzeit nicht möglich.

Bei vielen Patienten zeigte sich, dass sie während des Einsatzes des Geräts wacher wirkten als sonst. Zeichen von Stress oder Angst traten in der Praxisphase nicht auf.
- Stefan Walzer, Akademischer Mitarbeiter am Institut Mensch, Technik und Teilhabe der Hochschule Furtwangen

Weniger Beschäftigung für Pflegebedürftige, mehr Probleme

Was für die Angehörigen gilt, gilt ebenfalls für andere Angebote, die in der Pflege eine große Rolle spielen: Therapiehunde, Kindergartengruppen und Chöre – um nur einige zu nennen – dürfen die Heime nicht betreten. Viele Einrichtungen stellt das bereits seit Wochen vor große Probleme, weil sie ihren Bewohnern nur sehr wenige Aktivitäten, oftmals zudem in eingeschränkter Form, anbieten können.

Die Herausforderung, diese Probleme zu lösen, ist groß. Häufig werden Videoanrufe via Smartphone oder Tablet zwischen den Bewohnern und ihren Angehörigen organisiert. Hier stellt sich den Pflegekräften jedoch ein weiteres Hindernis in den Weg: die vielerorts unzureichende Digitalisierung in den Einrichtungen, die in Zukunft ausgebaut werden soll und muss.

Technische Hilfsmittel für Senioren

Auf dem Markt gibt es technische Hilfsmittel, die speziell für den Pflegebereich entwickelt wurden. Sie zielen darauf ab, auf der einen Seite das Pflegepersonal zu entlasten und auf der anderen Seite die Bewohner wahlweise zu aktivieren oder zu beruhigen. Sie bieten zahlreiche sogenannte Interventionsmöglichkeiten und können in die Welt des Pflegebedürftigen durchdringen.

Ein technisches Hilfsmittel, das genau für diesen Anwendungszweck entwickelt wurde, ist das Qwiek.up, ein audiovisueller Projektor des namensgebenden niederländischen Unternehmens Qwiek. Rund 1.900 Einrichtungen in Deutschland, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz nutzen das Gerät, dessen Wirkung wissenschaftlich belegt wurde, bereits. Aufgrund der Besuchseinschränkungen in Pflegeeinrichtungen rückt das Qwiek.up dort noch mehr in den Fokus. „Bestehende Kunden möchten etwa wissen, wie sie das Gerät noch besser in der Grundversorgung einsetzen können, um ihre Klienten abzulenken, zu beruhigen und somit den Pflegealltag für beide Seiten zu erleichtern“, erzählt Geschäftsführer Chris Rameckers.

Weniger Beschäftigung für Pflegebedürftige, mehr Probleme

Tägliche Ausflüge vom Bett oder Sessel aus

Das Qwiek.up ermöglicht es beispielsweise, die Familie virtuell zu Besuch kommen zu lassen. Dazu können die Angehörigen etwa persönliche Fotos zusammenstellen, Musik oder eine Videobotschaft aufnehmen und alles auf einen USB-Stick spielen. Mittels des Qwiek.up können die (bewegten) Bilder in Lebensgröße an die Wand oder Decke projiziert werden. Doch nicht nur Botschaften der Familie, sondern beispielsweise auch Gottesdienste können dank des Projektors direkt im Pflegeheim gezeigt werden.

Mit dem Gerät geliefert werden außerdem sogenannte „Erlebnismodule“, die die Pflegebedürftigen auf einen Ausflug mitnehmen – etwa in den Zoo, den Freizeitpark, die Berge oder zu einem Konzert von André Rieu. „Die Bilder und Töne, die die Bewohner wahrnehmen, lassen bei ihnen alte Erinnerungen aufleben“, erklärt Rameckers. „Wir erhalten vielfach die Rückmeldung der Einrichtungen, dass sie beispielsweise an ihre Enkel oder einen früheren Urlaub denken, wodurch positive Emotionen freigesetzt werden.“ Das sei gerade jetzt für sie wichtiger denn je.

Wirkung wissenschaftlich bewiesen

Die niederländische Innovation wurde unter anderem in einem Akutkrankenhaus des Universitätsklinikums Freiburg getestet – und ihre Wirkung bewiesen. Stefan Walzer, Akademischer Mitarbeiter am Institut Mensch, Technik und Teilhabe der Hochschule Furtwangen, hat den Praxistest gemeinsam mit seinen Kollegen aus Freiburg durchgeführt. Er ist vom Qwiek.up überzeugt: „Bei einigen Patienten war deutlich zu erkennen, dass sie die Inhalte, die Qwiek.up an die Wand oder Decke projizierte, aufmerksam verfolgten. Viele Patienten zeigten ein deutliches Interesse“, so Walzer. „Bei vielen Patienten zeigte sich, dass sie während des Einsatzes des Geräts wacher wirkten als sonst. Zudem erzeugten die Inhalte bei manchen Patienten einen Erzählfluss aufgrund biografischer Erinnerungen. Zeichen von Stress oder Angst traten in der Praxisphase nicht auf.“

Genau vor diesem Hintergrund wurde das Gerät entwickelt. „Natürlich konnte damals niemand vorhersehen, dass eine solche Pandemie ausbrechen wird, die enorme Auswirkungen hat – speziell auch auf die Situation von Pflegebedürftigen“, so Rameckers. Doch für viele Menschen in den Einrichtungen sei es bereits vor dem Corona-Ausbruch Alltag gewesen, dass sie keinen oder kaum Besuch bekommen oder dass sie bettlägerig sind und somit an keinen Ausflügen und anderen Aktivitäten teilnehmen können. „Uns war es von Beginn an ein großes Anliegen, genau diesen Menschen zu helfen.“